Welche Handlungsfelder eröffnen sich für Mediation als „Kunst des Übergangs“ in der Polykrise?
Bevor wir uns diesen Feldern zuwenden, lohnt sich ein Blick auf die Frontline:
Wie zeigen sich Überforderung und Verstrickung bei denjenigen, die sich aktiv für die Große Transformation und die Bewältigung der Polykrise engagieren? Und wie verändern sich ihre Lösungsansätze angesichts der Tatsache, dass Zeitfenster sich schließen? Denn Transformationspfade, die vor zehn, 20 oder 30 Jahren noch gangbar waren, führen heute nirgendwo mehr hin.
Die Verwirrung der Ansätze
Wer sich umschaut, trifft auf eine verwirrende Vielfalt an Überzeugungen, Diagnosen und Handlungsangeboten.
Das ist zunächst einmal okay. Schon das wegweisende Hauptgutachten des WBGU von 2011, „Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ – ein Meilenstein wissenschaftlicher Aufklärungsarbeit und Politikberatung, produziert für die Schublade –, spricht von unterschiedlichen Ambitionsniveaus.
Und die Wissenschaftler*innen betonen: Es kann keinen Masterplan geben. Die Transformation muss sich als offener Suchprozess aus einem Zusammenspiel von mutiger Politik, aktiver Bürgerbeteiligung und globaler Governance ergeben.
In aktivistischen Zusammenhängen spricht man von einer „Diversity of Tactics“, im bürgerlichen Spektrum versammelt man sich hinter der Formel einer „gesamtgesellschaftlichen Aufgabe“. So weit, so einig in der Uneinigkeit.
Aber was heißt das konkret? Von welchen Transformationspfaden sprechen wir – insbesondere angesichts einer andauernden Vertagung des Notwendigen, die die Physik nicht ungestraft lassen wird?
Während die einen sagen: „Lasst uns um jedes Zehntelgrad kämpfen und an der Vision einer sozial gerechten, nachhaltigen Zukunft festhalten“, sagen andere: „Akzeptieren wir die ‚Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit‚ (Ingolfur Blühdorn) unserer gesellschaftlichen Verhältnisse und stellen uns nüchtern auf kollabierende Systeme ein.“ In weniger geglückten Strategiediskussionen prallen dann Träumer auf Fatalisten und haben sich irgendwann nichts mehr zu sagen.
Der Elefant im Raum – und viele blinde Betrachter
Das Neben- und Gegeneinander ist nicht verwunderlich. Die Polykrise hat nicht nur ein Gesicht, und wir schauen unterschiedlich darauf. Wie in der Geschichte von den blinden Gelehrten, die den sprichwörtlichen Elefanten im Raum befühlen und ihn ganz verschieden beschreiben – je nachdem, ob sie gerade den Rüssel, einen Stoßzahn oder einen Fuß des großen Tiers zu fassen bekommen.
Unsere Handlungsansätze hängen stark davon ab, an welchem gesellschaftlichen Ort wir stehen – also welche Zugänge wir haben – und wie wir in unserer politischen Werkseinstellung den gesellschaftlichen Status Quo bewerten. Zusammen mit unserer Positionierung zwischen Design und Desaster kommen wir auf unterschiedliche Ambitionsniveaus und Eingriffstiefen:
· Manche glauben an inkrementelle Verbesserungen innerhalb bestehender Strukturen.
· Andere fordern mehr Gerechtigkeit und systemische Transformation.
· Wieder andere sagen: Die Moderne selbst ist das Problem.
Ein Orientierungsmodell: Soft, Radical und Beyond Reform
Hier liefert die brasilianisch-kanadische Bildungsforscherin Vanessa de Oliveira Andreotti ein hilfreiches Orientierungsmodell. Sie unterscheidet drei grundlegende Räume, in denen Menschen sich bewegen, wenn sie über Veränderung nachdenken:
· Soft-Reform: Man geht davon aus, dass das System grundsätzlich funktioniert und durch bessere Bildung, klügere Politik und technologische Innovation optimiert werden kann. Das Spiel ist nicht kaputt – es braucht nur bessere Regeln und informiertere Spieler*innen.
· Radical-Reform: Es wird erkannt, dass das System selbst problematisch ist. Kapitalismus, Kolonialismus und andere Herrschaftsstrukturen werden als Kernprobleme identifiziert. Es braucht fundamentale Umverteilung von Macht und Ressourcen und die Demontage bestehender Institutionen.
· Beyond-Reform: Dies ist der radikalste und zugleich demütigste Raum. Er erkennt die Grenzen sowohl sanfter als auch radikaler Reformen. Nach Andreotti basiert die Moderne selbst auf unhaltbaren Annahmen – Trennung von Mensch und Natur, unbegrenztes Wachstum, anthropozentrische Weltsicht. Wir leben in einer Zeit des Zusammenbruchs alter Systeme, und die Zukunft ist fundamental unsicher. Die Frage ist nicht mehr: „Wie reparieren wir das System?“, sondern: „Was kommt nach dem unvermeidlichen Ende?“
Sowohl-als-auch statt Entweder-oder
Andreottis Modell ist keine Anleitung, kein Masterplan. Es ist eine Orientierungshilfe, um zu verstehen, wo wir selbst stehen – und wo andere stehen. Es hilft zu erkennen:
Menschen befinden sich an unterschiedlichen Punkten in ihrem Prozess und sind deshalb zu unterschiedlichen Fragen und Lösungsansätzen bereit. Es gibt nicht „den einen Weg“.
Für uns als Mediator*innen bedeutet das:
Wir müssen unterschiedliche Haltungen und Transformationspfade akzeptieren und mit ihnen arbeiten können. Ein Sowohl-als-auch statt ein Entweder-oder – auch wenn wir innerlich vielleicht schon viel radikaler ticken als die Zielgruppen, mit denen wir arbeiten.
Das Modell hilft, dass wir nicht aneinander vorbeireden, uns nicht unnötig ideologisch verhaken, sondern anerkennen: Menschen stehen unterschiedlich „weit“, haben unterschiedliche Zugänge zur Realität – oder leugnen sie unterschiedlich.
Es braucht Leitfäden, die in einer Vielzahl von Handlungsfeldern Orientierung geben und die Verständigung der Handelnden, auch über weltanschauliche Grenzen hinweg, ermöglichen. Andreottis Modell kann ein solcher Leitfaden sein – nicht als Wahrheit, sondern als Kartografie der Möglichkeiten.
Fünf Handlungsfelder
Mit diesem Orientierungsrahmen im Hinterkopf möchte ich nun fünf konkrete Handlungsfelder skizzieren (2 in diesem, 3 weitere im nächsten Post), in denen Konfliktarbeit – in unterschiedlichen Formen von Mediation und Dialog – sinnvolle Beiträge leisten kann. Ich möchte in Bezug auf diese Handlungsfelder jeweils darstellen, wie soft, radical und beyond Reform jeweils aussehen und durch Mediationsprozesse begleitet werden können.
Ich fokussiere hier auf Konfliktbearbeitung in der Klimakrise. Ein hoffentlich verzeihbares Scheitern vor der Aufgabe, alle Baustellen in der Polykrise umfassend zu kartografieren.
1. Öffentlicher Raum und Umweltmediation: Wenn Infrastruktur auf Widerstand trifft
Umweltmediation ist eines der ältesten Felder, in dem Konflikte um ökologische Fragen professionell bearbeitet werden. Früher ging es um Industrie-Ansiedlungen, Bergbau oder Großprojekte wie Flughäfen und Tunnels. Heute hat sich das Konfliktfeld verschoben: Windräder, Stromtrassen, Photovoltaik-Anlagen, kommunale Wärmepläne.
Diese Konflikte folgen oft dem bekannten NIMBY-Muster: Not In My Back-Yard. Menschen befürworten abstrakt die Energiewende, lehnen aber konkrete Projekte in ihrer unmittelbaren Umgebung ab – aus nachvollziehbaren Gründen: Sorge um das Landschaftsbild, Lärm, Wertverlust von Immobilien, Veränderung der vertrauten Umgebung.
Soft Reform: Interessen ausgleichen
Die klassische mediative Antwort liegt in früher Partizipation, transparenten Planungsprozessen und wirtschaftlicher Beteiligung der Anwohner*innen. Wenn Bürger*innen nicht nur Betroffene, sondern Beteiligte werden – etwa durch Anteile an Windkraftanlagen –, verändert sich die Dynamik grundlegend. Das System bleibt intakt, aber die Verteilung wird fairer.
Radical Reform: Machtverhältnisse hinterfragen
Doch Umweltmediation kann radikaler gedacht werden. Dann geht es nicht nur um Interessenausgleich, sondern um die Frage: Wessen Lebensräume werden geopfert, damit anderswo Wohlstand gesichert werden kann? Wie schützen wir beispielsweise indigene Gemeinschaften vor transnationalen Konzernen, die ihre Territorien für „grüne“ Rohstoffe ausbeuten?
William Urys Konzept des Triple-Win erweitert klassische Mediation in diese Richtung: In jedem Konflikt sollten nicht nur die unmittelbar Beteiligten berücksichtigt werden, sondern auch die „dritte Seite“ – die breitere Gemeinschaft, deren Interessen neben denen der unmittelbaren Konfliktparteien in die Lösungsfindung einfließen müssen.
Bruno Latours „Parlament der Dinge“ (2001) radikalisiert diese Idee: Er fordert, dass nicht nur Menschen, sondern auch nicht-menschliche Wesen – Flüsse, Tiere, Ökosysteme, Objekte – als politische Akteure mit eigenen Rechten und Handlungsfähigkeit anerkannt werden, da die moderne Trennung von Natur und Gesellschaft eine künstliche Konstruktion ist, die politische Ökologie verhindert. Damit wechseln wir eindeutig in den Beyond Reform Raum. Mega Überleitung, suuuper!
Beyond Reform: Die Natur als Rechtssubjekt
Die radikalste Frage stellt sich hier: Kann die Natur selbst Rechtssubjekt sein? Das klingt utopisch, ist aber in einigen, vor allem südamerikanischen Ländern bereits Realität: Als erstes Land weltweit verankerte Ecuador 2008 die Rechte der „Pachamama“ (Mutter Erde) in der Verfassung. Der erste erfolgreiche Gerichtsprozess folgte 2011 für den Vilcabamba-Fluss gegen ein Straßenbauprojekt. Auch in Spanien und in Kanada gibt es erste nichtmenschliche Rechtssubjekte. Diese Perspektive stellt die anthropozentrische Grundlage der Moderne selbst in Frage.
Charlotte Maier und Raphael Schulte-Kellinghaus haben das Konzept der interspezifischen Mediation zwischen Buchdeckel gebracht: nicht-menschliche Akteure wie Flüsse, Berge oder Ökosysteme werden als Stakeholder in Konfliktlösungsverfahren einbezogen.
Für Mediator*innen bedeutet das: Je nachdem, in welchem Raum wir arbeiten, stellen wir andere Fragen und eröffnen andere Lösungshorizonte.
2. Unternehmen: Nachhaltigkeit als existenzielle Transformation
In Unternehmen wird Nachhaltigkeit oft zunächst als technische Herausforderung verstanden: CO2-Neutralität, faire Lieferketten, Kreislaufwirtschaft, Gemeinwohlökonomie. Die Annahme: Mit den richtigen Maßnahmen können wir klimafreundlich und gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreich sein.
Doch sobald Nachhaltigkeitsziele in die Umsetzung kommen, zeigt sich: Es ist keine technische, sondern eine zutiefst emotionale und identitätsstiftende Herausforderung. Kleine Trigger können Konflikte auslösen – ein Veggie-Day in der Kantine, der Verzicht auf Dienstwagen, die Aufforderung, statt zu fliegen Zug zu fahren. Größere Trigger entstehen, wenn Menschen sich von Tätigkeiten, Werkstoffen oder Produkten verabschieden müssen, die ihre berufliche Kernidentität ausmachen.
Ein Beispiel: Ein Ingenieur, der jahrzehntelang an Verbrennungsmotoren gearbeitet hat, soll nun an Elektroantrieben forschen. Das berührt seine Expertise, seinen Stolz, seine Biografie. Oder: Ein Unternehmen, das traditionell Einwegprodukte herstellt, möchte auf Kreislaufwirtschaft umstellen – möglicherweise das Ende eines Geschäftsmodells.
Soft Reform: Transformation als Change-Management
Hier setzt klassische Organisationsentwicklung an: Beteiligungsformate, Ideenwerkstätten, Großgruppen-Konferenzen. Mitarbeitende werden nicht nur informiert, sondern eingebunden. Es braucht Räume, in denen Bedenken geäußert, Ängste benannt und Widersprüche ausgehalten werden können.
In einem CO2-Reduzierungsprojekt eines kirchlichen Hilfswerks haben wir mit Projektgruppen daran gearbeitet, die größten Emissionsquellen zu identifizieren und technische Maßnahmen an Gebäuden und Dienstwagen-Flotte in die Wege zu leiten. Richtig Energie bekam der Prozess jedoch erst, als die Belegschaft nach einer Phase der Indifferenz in die Planungen einbezogen wurde und an selbst gesteckten Aufgaben vom technischen Impact kleine, aber in ihrer Symbolkraft und sozialen Energie bedeutsame Beiträge zum Projekt liefern konnten.
Radical Reform: Das Geschäftsmodell selbst in Frage stellen
Auf dieser Ebene reicht Partizipation nicht mehr. Die Frage an die Obere Führungsebene und Inhaber lautet: Ist dieses Geschäftsmodell überhaupt noch vertretbar? Manchmal führt ehrliche Nachhaltigkeitsberatung nicht zur Optimierung, sondern zur Erkenntnis, dass fundamentale Weichenstellungen nötig sind – oder dass bestimmte Produkte, Märkte oder Praktiken beendet werden müssen. Hier geht es um strategische Transformation, nicht um inkrementelle Verbesserung.
Solche Vorhaben, denen sich bislang nur wenige Unternehmen (z.B. Ørsted, Interface, Patagonia) stellen, braucht Transformative Dialogarbeit im Kreis und kollektive Trauerarbeit: Wenn ein Unternehmen sich von Produkten oder Technologien verabschiedet, braucht es Würdigung dessen, was war. Rituale des Abschieds, ähnlich wie in der Palliative Care – nur wer das Alte loslassen darf, kann sich dem Neuen zuwenden.
Beyond Reform: Exit-Strategien und Hospicing
Eine individuell gangbare Perspektive formuliert Klimaaktivistin Luisa Neubauer: „Cut the Bullshit.“ Manchmal ist die ehrlichste Frage nicht, wie ein Unternehmen nachhaltiger werden kann, sondern ob es überhaupt noch vertretbar ist, dort zu arbeiten.
Diese Frage stellt sich besonders in Branchen, die strukturell auf fossilen Energien oder Ausbeutung basieren. Hier geht es nicht mehr um Reform, sondern um Hospicing – würdevolles Sterben lassen von Geschäftsmodellen und Wirtschaftszweigen, die keine Zukunft haben.
Mediation stößt hier an Grenzen – oder erweitert sich zur Begleitung existenzieller Übergänge.
Diese Frage habe ich schon vor Jahren mit Beraterkollegen diskutiert, die fest in der Deutschen Automobilindustrie verankert waren. Ihre Antwort: „träum‘ weiter …“ Dort, wo sie vom Standpunkt des Allgemeinwohls (und des langfristigen Überlebensinteresses – Stichwort: Verbrenner-Aus) am dringendsten zu platzieren wären, werden wir mit Angeboten für mediative Sterbehilfe vorerst schwerlich landen.
Anders sieht es aus zum Beispiel im kirchlichen Bereich: Hier befasst man sich schon lange mit der zunehmenden gesellschaftlichen Irrelevanz und dem drohenden institutionellen Kollaps. Als externe, säkulare Berater*innen haben wir Ordensgemeinschaften dabei begleitet, sich innerlich und organisational auf das eigene Verschwinden vorzubereiten.
Und es stellt sich die Frage, wie christliche Kirchen als „Expert*innen für die letzten Dinge“ in der großen gesellschaftlichen Transformation, die immer radikalere Entscheidungen und Übergänge notwendig werden lässt, eine gute Rolle spielen können?
Von diesen und weiteren Fragen handelt der nächste Teil mit den Handlungsfeldern 3 bis 5: Gemeinwesen, Aktivismus und neue gesellschaftliche Räume.
📅 Ausbildung „Mediation und mediatives Handeln in Transformationsprozessen“
Start: 12. März 2026 | Ort: Mannheim (Altes Volksbad) Dauer: 1 Jahr – eine gemeinsame Lern- und Entwicklungsreise
📄 Infos & Anmeldung: www.inmedio.de / Info-Broschüre
